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Erasmusreise nach Luxemburg mit der Fachstelle Mehrsprachigkeit MV

Wie gestaltet sich der Umgang mit Mehrsprachigkeit in der frühkindlichen Bildung in einem Land, in dem die Sprachenvielfalt den gesellschaftlichen Alltag seit jeher entscheidend mitprägt?


Um dies zu erfahren, reiste die Fachstelle Mehrsprachigkeit MV, ein Projekt der RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern e. V. vom 21. bis 26. April 2024 mit 25 pädagogischen Fachkräften aus ganz Mecklenburg-Vorpommern nach Luxemburg. Finanziert wurde die Reise aus Mitteln des EU-Austauschprogramms Erasmus+. Während einer viertägigen Hospitation beim Luxemburger Nationalen Kinder- und Jugenddienst (Service National de la Jeunesse, SNJ) erhielten die Fachkräfte Einblicke in das Luxemburger Bildungssystem, lernten sowohl Inhalte und Merkmale der non-formalen Bildung kennen als auch das seit 2017 bestehende Programm der frühen mehrsprachigen Bildung. Zusätzlich zur Teilnahme am pädagogischen Alltag in verschiedenen Kindertageseinrichtungen beinhaltete das Programm der Reise Workshops und Vorträge mit Expert*innen des SNJ und der Universität Luxemburg, den Besuch einer mehrsprachigen Bibliothek, eines Fachzentrums für pädagogische Ressourcen und Materialien sowie ein Austauschtreffen mit Luxemburger Fachkräften für frühe mehrsprachige Bildung.  Dabei konnten die Fachkräfte zahlreiche Anregungen für eine mehrsprachigkeitsoffene und vielfaltsbewusste pädagogische Praxis erhalten.


Mehrsprachigkeit in Luxemburg

Luxemburg hat nicht nur drei offizielle Sprachen – Luxemburgisch, Französisch und Deutsch – sondern mit ca. 47 % auch den derzeit EU-weit höchsten Anteil an Einwohner*innen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Zu den etwa 700.000 Menschen, die im Großherzogtum leben, kommen zudem täglich weitere 200.000 Pendler*innen aus Frankreich, Belgien und Deutschland, die den mehrsprachigen Alltag ebenfalls mitprägen. Welche Sprache gesprochen wird, entscheidet sich je nach Gegenüber, Situation und Rahmen des Gespräches und kann auch innerhalb eines Gesprächs immer wieder wechseln. In diesem Umfeld wachsen viele Kinder bereits in der Familie mit mehreren Sprachen auf, wobei neben den drei Landessprachen zahlreiche weitere Familiensprachen hinzukommen, wie beispielsweise Portugiesisch, Englisch oder Italienisch.

Mehrsprachigkeit wird in Luxemburg als wichtige Ressource der Gesellschaft gesehen und anerkannt. Dies wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass 2017 das Programm der frühen mehrsprachigen Bildung für alle Kindertageseinrichtungen gesetzlich festgeschrieben wurde. Im Fokus stehen hierbei vor allem die frühe Heranführung an die luxemburgische und französische Sprache sowie die Wertschätzung und das aktive Aufgreifen aller Familiensprachen in den Bildungseinrichtungen.


Das luxemburgische Bildungssystem

Um das luxemburgische Bildungssystem und das Programm der mehrsprachigen Bildung zu erfassen, wurden die Fachkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern am ersten Tag auf dem Gelände des Bildungsministeriums von Dr. Simone Mortini – Projektleiterin für die mehrsprachige Bildung beim SNJ – begrüßt und in die Strukturen eingeführt.

Das Bildungssystem in Luxemburg teilt sich in den formalen (schulischen) und non-formalen (vor- und außerschulischen) Bildungsbereich, wobei der SNJ für die Qualitätssicherung und -entwicklung in der non-formalen Bildung zuständig ist. Dazu zählen vor allem die sogenannten Crèches (Kinderkrippen) für 0- bis 4-jährige Kinder sowie die Foyers de Jours und Maisons Relais (Horte) für 4- bis 12-Jährige. Ab dem 4. Lebensjahr gilt ein Kind in Luxemburg als schulpflichtig und besucht dann vormittags vier Stunden sowie an drei Tagen in der Woche auch zwei Stunden nachmittags die formale Bildung. Während in der obligatorischen Vorschule für die 4- bis 6-Jährigen der Fokus auf das Erlernen und Festigen der luxemburgischen Sprache liegt, erfolgt das Lesen- und Schreibenlernen ab der 1. Klasse der Primarstufe vorwiegend auf Deutsch. An den weiterführenden Schulen wird dann immer mehr Französisch als Unterrichtssprache genutzt. So werden allen Kindern im Bildungsverlauf die drei Sprachen Luxemburgisch, Deutsch und Französisch vermittelt.



Die Rolle der pädagogischen Fachkraft als Sprachvorbild

Sowohl im Austausch mit den Referenzfachkräften für die frühe mehrsprachige Bildung, die vom SNJ qualifiziert und begleitet werden, als auch bei den Besuchen in den Kindertageseinrichtungen erlebten die Teilnehmenden aus Mecklenburg-Vorpommern die Wichtigkeit der eigenen Rolle als Sprachvorbild für den kindlichen Spracherwerb. So agieren die Fachkräfte selbst als mehrsprachige Vorbilder und binden bewusst ihre verschiedenen sprachlichen Ressourcen in den Dialog mit Kindern ein, um allen Kindern Verstehen und Beteiligung zu ermöglichen. In einem Workshop mit Prof. Dr. Claudine Kirsch von der Universität Luxemburg konnten die Fachkräfte Strategien erfahren, wie alltägliche Interaktionen und insbesondere auch Vorlesesituationen anregungsreich und dialogisch gestaltet werden können.



Die Einbeziehung und Wertschätzung der Familiensprachen

Die Anerkennung und Wertschätzung ihrer Familiensprachen steht für Kinder in engem Zusammenhang mit der Entwicklung von Identität und des eigenen Selbstbildes. Im Alltag der Kindertageseinrichtungen durften die Fachkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern Methoden und praktische Anregungen kennenlernen, um die Familiensprachen aller Kinder als Ressourcen einzubeziehen. So wurden etwa mehrsprachige Willkommensgrüße in den Eingangsbereichen, mehrsprachige Bücher und Fingerspiele sowie in den Familiensprachen gesungene Geburtstags- oder Guten-Morgen-Lieder wahrgenommen. Zudem betonten die luxemburgischen Fachkräfte die wichtige Funktion der Familiensprache als Brücke zwischen den kindlichen Lebensbereichen Familie und Kindertageseinrichtung. Die Einladung an Eltern, für den institutionellen Alltag bedeutsame Wörter in der Familiensprache aufzuschreiben, ermöglicht es Fachkräften, diese im Dialog mit den Kindern einzubringen und ihnen damit Sicherheit wie Möglichkeiten der Verständigung zu schaffen. Zudem werden die Kinder ermutigt, sich in der Sprache auszudrücken, in der sie sich am wohlsten fühlen und die damit ihrer Sprechfreude und ihrem Bedürfnis sich mitzuteilen am meisten entspricht.



Die Bildungspartnerschaft mit Familien gestalten

„Es ist nicht unsere Rolle, über Familien in ihrem Sein zu urteilen, sondern es ist unsere Aufgabe, alle Familien in ihrer Vielfalt willkommen zu heißen“, so beschrieb eine luxemburgische Fachkraft die Bildungspartnerschaft mit Familien. Für viele Kinder sind die Familie und die Kindertageseinrichtung die wichtigsten Lebensbereiche für das eigene Aufwachsen. Die Zusammenarbeit zwischen der Einrichtung und den Familien stellt einen der zentralsten Bestandteile dar, Kinder in ihrer mehrsprachigen Entwicklung zu unterstützen. Die Teilnehmenden der Erasmusreise erfuhren: wenn Familien von Beginn an erleben, dass sie einen Platz in der Einrichtung haben, der es ermöglicht, sich in der eigenen Familienkultur gesehen zu fühlen, regt dies Familien an, sich am gemeinsamen Austausch oder Aktionen, wie dem mehrsprachigen Vorlesen oder dem Büchertausch zu beteiligen.




Die Vernetzung mit Akteuren im Sozialraum für mehrsprachige Lern- und Entwicklungsangebote

Während der Hospitationsreise hatten die Fachkräfte ebenso die Möglichkeit, Sozialraumakteure in Luxemburg kennenzulernen, die dazu beitragen, die kindliche Erfahrungswelt und damit auch die Sprachenkontakte zu erweitern. Das „Spillzenter“ des Trägers Arcus lädt Fachkräfte und Kinder dazu ein, pädagogisches Material (neu) zu entdecken, auszuprobieren und im Austausch mit den Fachkräften vor Ort Nutzungsmöglichkeiten für den eignen pädagogischen Alltag zu reflektieren.

In der mehrsprachigen Bibliothek „Il était une fois“ lernten die Fachkräfte Bücher in 35 Sprachen kennen und dass es auch Geschichten geben kann, die ganz ohne Worte und Schrift auskommen. Das von der Fachstelle Mehrsprachigkeit mitgebrachte Kinderbuch auf Plattdeutsch findet nun als 36. Sprache einen Platz in der Bibliothek.




Ausblick

Im gemeinsamen Austausch der teilnehmenden Fachkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern zeigten sie sich beeindruckt, mit welchem Grad der Selbstverständlichkeit das Thema Mehrsprachigkeit in den luxemburgischen Einrichtungen gelebt und aktiv gestaltet wird. Sie erlebten in Hospitationen und Austauschtreffen Mehrsprachigkeit nicht als Stolperstein für die pädagogischen Arbeit, sondern die innere Haltung, den vielfältigen Familiensprachen als Bereicherung und gelebte Alltagsrealität zu begegnen. Auch entstanden bereits die ersten Ideen, wie die Eindrücke und Erfahrungen der Erasmus-Reise in die eigene Praxis einfließen können. Ob über die Nutzung mehrsprachiger Bücher, die Einladung der Familien in die Einrichtung, die Zusammenarbeit mit der ortsansässigen Bibliothek oder das Vorhaben, die Familiensprachen aller Kinder sichtbar zu machen… „Ich fahre mit einer großen To-do-Liste nach Hause“ und empfinde „Dankbarkeit, bei dieser Reise dabei gewesen zu sein“.

In ein paar Monaten werden sich die Fachkräfte aus Mecklenburg-Vorpommern wieder treffen und gemeinsam mit der Fachstelle Mehrsprachigkeit ihre Reiseeindrücke sowie die daraufhin getätigten Schritte im Alltag mit den Kindern reflektieren und ihren Austausch fortsetzen.




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